rheinflügel severin / studio erde

Die Vogelperspektive zeigt Gebäude mit zwei bis sechs Geschossen. Entlang der Straße sind die Gebäude ähnlich hoch und bilden eine zusammenhängende Reihe. Zur Landschaft hin sind die Gebäude unterschiedlich hoch und lockerer angeordnet. Bäume umgeben das Quartier. Zum See hin öffnet es sich  zu einem grünen Lanschaftsraum mit einzelnen Baumgruppen.

rheinflügel severin / studio erde

RATHER BRÜCK WOHNEN AN DEN FELDGÄRTEN

Der Lageplan zeigt das Quartier "Madaus Gartenland" mit mehreren Wohnhöfen unterschiedlicher Formen und Größen. Die Erschließung erfolgt über eine Stichstraße im Norden. Eine zentrale grüne Achse verläuft mittig zwischen den Wohnhöfen. Quartiersgarage und eine Kita befinden sich an der Verbindung zum Neubrücker Ring im Norden. Im Süden erstreckt sich der große öffentliche Spielplatz von Westen nach Osten.
Stadtlandschaft weiterbauen

Die rechtsrheinische Stadtlandschaft Kölns verdichtet sich. Gleichzeitig wird immer deutlicher, welche Landschaftsräume bewahrt, gestärkt und neu lesbar gemacht werden müssen. Das Madaus Gartenland liegt an einer Schwelle: zwischen der Großsiedlung Neubrück, dem Rather See, den offenen landwirtschaftlichen Flächen, den Sport- und Freizeitlandschaften von Brück und dem weiteren Übergang zum Königsforst. Es ist kein isoliertes Neubaugebiet, sondern Teil eines vielschichtigen Verflechtungsraums, in dem Stadt, Feld, Wald, Wasser, Infrastruktur und soziale Nachbarschaften aufeinandertreffen.

Der Entwurf entwickelt diese Randlage nicht als Grenze, sondern als produktiven Übergangsraum. Die neue Bebauung wird kompakt gefasst und in eine Folge unterschiedlicher Landschaftstypen eingebettet. Aus dem ehemaligen Madaus-Areal entsteht ein Quartier, das Wohnen, Gemeinschaft, Klimaresilienz und Landschaftspflege miteinander verbindet. Die Feldgärten bilden dabei ein zentrales Motiv: Sie übersetzen die Geschichte des Ortes als Arzneipflanzen-, Gewächshaus- und Baumschullandschaft in eine neue öffentliche und gemeinschaftliche Freiraumstruktur.

Feldgärten als Übergangsraum

Östlich der Bebauung entsteht ein breiter, durchlässiger Landschaftssaum aus Streuobstwiesen, Gemeinschaftsgärten, extensiven Wiesenflächen, Feldgehölzen und offenen Wegen. Dieser Saum vermittelt zwischen den privaten Baufeldern und dem extensiveren Landschaftsraum im Osten. Er ist nicht Park im klassischen Sinn, sondern eine produktive Allmende: ein Raum für Gärtnern, Spielen, Aufenthalt, Aneignung, Biodiversität, Retention und Kaltluft.

Die Feldgärten sind zugleich Puffer und Vermittler. Sie schützen die privaten Wohnhöfe vor zu direkter Öffentlichkeit, öffnen das Quartier aber zum Landschaftsraum. Sie nehmen Regenwasser auf, ermöglichen Versickerung und Verdunstung, stärken die Biodiversität und bilden mit ihren offenen Wiesenmulden wichtige Kaltluftleitbahnen. Es entsteht eine leicht bewegte, aber ruhige Topografie, die den Feldbezug räumlich erfahrbar macht und den Übergang zur offenen Landschaft spannungsvoll inszeniert.

Höfe zwischen Wald, Feld und See
Der Ausschnitt zeigt den nördlichen Teil des Quartiers "Madaus Gartenland" an der Verbindung zum Neubrücker Ring. Im Mittelpunkt liegt ein Platz östlich angrenzend zur Quartiersgarage, der Raum für einen Wochenmarkt bietet. Rund um den Platz befinden sich eine Kita, eine Pflegeeinrichtung, ein Cafe und ein Quartiersbüro. Weitere Höfe wie der Wald Hof und der Wildnis Hain bieten Platz zum Spielen und Verweilen.

Der Städtebau besteht aus einer zweireihigen Hofstruktur, welche sich über den längeren südlichen Abschnitt von einem ruhigen geschlossenen Rücken entlang des Neubrücker Rings zur Landschaft stärker öffnet und auch in der Höhenentwicklung an Varianz gewinnt. Der Geschoswohnungsbau entwickelt dabei unterschiedliche Typologien, die vom 2- bis zum 6-Spänner reichen und potenziell auch Laubenganglösungen zulassen. Durch die verschiedenen Nachbarschaften, Typologien und Zuschnitte erhält jeder Hof einen individuellen Charakter. Die Mischung der verschiedenen Wohntypologien, Eigentumsformen und Finanzierungsmodelle erfolgt innerhalb der Höfe, womit eine soziale Segregation vermieden werden kann.

Im Westen entstehen offene Waldhöfe am Gehölzsaum. Sie orientieren sich zur bestehenden Baumkante und nutzen deren Schatten, Schutz und Atmosphäre. Die Höfe sind bewusst nicht als geschlossene Blockränder ausgebildet, sondern als offene U- und L-Strukturen, die Durchlüftung, Blickbeziehungen und kurze Wege zum Waldsaum ermöglichen.

Nach Osten entstehen Feldhöfe. Sie öffnen sich zu den Feldgärten und zum weiten Landschaftsraum. Ihre Erdgeschosszonen, gemeinschaftlichen Gärten und privaten Freiräume stehen in direkter Beziehung zu Streuobstwiesen, Spielpunkten und Wiesenmulden. Die Feldhöfe bilden damit keine harte Siedlungskante, sondern eine poröse Schwelle: gebaut, gemeinschaftlich genutzt und landschaftlich durchdrungen zugleich.

Im Norden fächert sich die Struktur über 3 geöffnete Höfe entsprechend der Logik der ehemaligen Baumschule auf. Die Schließung nach Osten beziehungsweise Nordosten stellt einen Unterschied zum südlichen Strang dar und resultiert aus der Lärmbelastung durch die Sportflächen im Nordosten. Lärmschutzloggien könnten hier einen Lösungsansatz darstellen, der über einen passiven baulichen Lärmschutz hinausgeht. Alle 3 Höfe stellen durch die Einbindung der beiden Kitas in den Erdgeschossen des westlichen und östlichen Hofs sowie durch die Unterbringung des genossenschaftlichen Wohnens sowie des Mehrgenerationenwohnens im mittleren Hof Sonderlösungen dar.

Madaus Platz und Quartierszentrum

Im Zwischenraum verbindet ein baumbestandener Waldplatz die Quartiersgarage mit den drei zuvor benannten Hofbereichen. Der Madaus Platz ist der urbane Auftakt des neuen Quartiers. Er liegt am nördlichen Übergang zwischen Bestand, Stadtbahntrasse, Quartiersgarage und Gartenpromenade. Unter einem lichten Baumhain entsteht ein robuster, alltäglicher Treffpunkt mit Aufenthaltsqualität in unmittelbarer Nähe zu Mobility Hub, Kita-Eingang, Fahrradparken und gemeinschaftlichen Nutzungen im Erdgeschoss. Der Platz funktioniert als Adresse für das Quartier und als Gelenk zwischen Neubrück, Feldgärten und nördlichem Landschaftsraum.

Die Quartiersgarage wird nicht als reiner Infrastrukturbau verstanden, sondern als Teil des Quartierszentrums. Ihre Erdgeschosszone kann kleinteilige Nutzungen, Werkstätten, Mobilitätsangebote oder gemeinschaftliche Räume aufnehmen. Damit wird die Garage nicht zum Rückseitenbau, sondern zur aktiven Kante am Madaus Platz.

Feuer- und Rettungswache als südlicher Abschluss

Im Süden verjüngt sich die städtebauliche Struktur. Hier schließt die Feuer- und Rettungswache das Quartier als eigenständiger Infrastrukturkeil ab. Sie wird nicht als Restfläche behandelt, sondern als präziser Baustein im Übergang zwischen Stadt, Landschaft und Hüttenweg. Ihr Hof öffnet sich nach Süden; die Alarmausfahrt wird klar und konfliktarm organisiert. Gegenüber den Wohnnutzungen bildet der Baukörper eine schützende Kante. Der angrenzende Feldfinger schafft Abstand, reduziert Störungen und führt gleichzeitig Landschaft und Frischluft bis an den südlichen Quartierseingang.

Erschließung und Mobilität

Das Quartier wird weitgehend autofrei organisiert und erhält für MIV (Motorisierten Individualverkehr) lediglich eine Anbindung an den Neubrücker Ring im Norden. Der motorisierte Verkehr wird wesentlich über die Quartiersgarage am Anbindungspunkt abgefangen. Die innere Erschließung im Trennprofil erfolgt erfolgt über die Achse entlang der Gehölzmembran, wodurch im Innern Fußgänger:innen, Radfahrende, Spiel und Aufenthalt Vorrang auf den Mischverkehrsflächen erhalten. Die Gartenpromenade ist als quartiersbezogene Bewegungsachse angelegt und wird nur für notwendige Verkehre wie Feuerwehr, Pflege, Müllabfuhr und Anlieferung befahrbar ausgebildet.

Die Fuß- und Radwege verknüpfen den Bestand am Neubrücker Ring mit dem neuen Quartier, den Feldgärten, dem Rather See und den östlichen Landschaftsräumen. Die Feldplätze an den Endpunkten des Gemeinschaftsbands bilden dabei wichtige Vermittler: Sie markieren Übergänge, bündeln Wege und machen den Wechsel von Stadt zu Feld räumlich erfahrbar.

Freiraum in Bändern
Die Vogelperspektive zeigt Gebäude mit zwei bis sechs Geschossen. Entlang der Straße sind die Gebäude ähnlich hoch und bilden eine zusammenhängende Reihe. Zur Landschaft hin sind die Gebäude unterschiedlich hoch und lockerer angeordnet. Bäume umgeben das Quartier.

Der städtebauliche Entwurf wird durch drei komplementäre Freiraumbänder gegliedert:

Im Osten liegt das Gemeinschaftsband der Feldgärten. Es besteht aus Streuobstwiesen, Gemeinschaftsgärten, kleinen Gerätehäusern, Feldtafeln, offenen Spielpunkten und Wiesenbalkonen. Zwei Feldplätze markieren seine Endpunkte: der Feldplatz Nord als Übergang zum Madaus Platz und zur Baumschulstruktur, der Feldplatz Süd als Gelenk zwischen Feuerwehr, Landschaft und südlichem Quartierseingang. Die großen Wiesenflächen werden von Waldkeilen und Gehölzclumps durchzogen, die historische Feld- und Gehölzstrukturen aufnehmen und räumlich weiterentwickeln. Aus diesen Clumps entstehen kleine Feldplätze, Balkone zur Wiesenfläche und geschützte Spielorte. Die Spielflächen werden nicht gleichmäßig verstreut, sondern an vier prägnanten Punkten in den Feldgärten konzentriert. Dadurch entstehen klare Adressen, gute Auffindbarkeit und zugleich großzügige offene Wiesenräume, die ihre klimatische und ökologische Funktion behalten.

In der Mitte verläuft die Gartenpromenade. Sie ist die quartiersbezogene Alltagsachse zwischen den Baufeldern. Hier liegen Hauseingänge, kleinere Nachbarschaftsflächen, gemeinschaftliche Vorzonen, Sitzorte, Fahrradabstellbereiche und wassergebundene Wege. Die Gartenpromenade ist kein harter Straßenraum, sondern eine weiche, bepflanzte Gasse: robust genug für notwendige Verkehre, aber primär als Aufenthalts- und Begegnungsraum gedacht.

Im Westen entsteht entlang des bestehenden Baumsaums eine Gehölzmembran. Sie nimmt die Erschließung auf, filtert zwischen Neubrücker Ring, Stadtbahntrasse und Wohnquartier und entwickelt den vorhandenen Gehölzbestand zu einer funktionalen und biodiversen Kante. Hier werden Anlieferung, Müll, Rettungswege und notwendige Adressbildung gebündelt, sodass das Innere des Quartiers weitgehend autofrei bleiben kann.

Klimaneutralität

Das neue Quartier reagiert auf die veränderten Lebensbedingungen durch den Klimawandel und hat gleichzeitig zum Ziel, klimaneutral zu sein. Das Konzept greift die Herausforderungen der Energiewende im urbanen Raum auf und zielt auf eine sektorenübergreifende Vernetzung der Gebäude- und Mobilitätsinfrastruktur. Ziel ist das „Smarte Quartier“, das eine effiziente Energieversorgung und einen ressourcenschonenden Umgang mit Baumaterialien beinhaltet. Hierzu werden möglichst viele Neubauten des Stadtquartiers in Hybrid- oder Holzbauweise realisiert oder ausgestaltet, sodass in Zukunft flexibel auf mögliche Nutzungsänderungen baulich reagiert werden kann. Die vorgeschlagene Bebauung besteht aus kompakten Gebäudetypen, die mit kleinem Oberflächen-/Volumenverhältnis niedrige Baukosten und geringe Energieverbräuche erwarten lassen.

Für einen effektiven Beitrag zum Klimaschutz werden alle Dachflächen konsequent mit Photovoltaikanlagen ausgestattet. Die erforderlichen Retentionsqualitäten werden durch eine Kombination mit intensiver Begrünung oder der Nutzung von Mäanderplatten beziehungsweise samenfreiem Substrat erreicht. Bei freistehenden Südlagen sollen auch Fassaden zur Stromproduktion herangezogen werden.

Kaltluft, Wasser, Boden

Das Freiraumkonzept folgt dem Prinzip möglichst geringer Versiegelung. Befestigte Flächen werden auf das Notwendige reduziert. Wege, Platzflächen und Feuerwehrflächen werden dort, wo es funktional möglich ist, wasserdurchlässig oder als Rasenpflaster ausgebildet. Die Feldfinger übernehmen eine doppelte Rolle: Sie sind Frischluftschneisen und Retentionsräume. Als offene Wiesenmulden führen sie Kaltluft aus dem Landschaftsraum in den gesamten Stadtteil und leiten Starkregen schadlos in die tiefer liegenden Grünräume.

Die Topografie wird sanft weiterentwickelt. Material aus dem Aushub wird vor Ort wiederverwendet, um flache Wiesenhügel, Spiellandschaften und Aussichtspunkte zu modellieren. Dadurch entstehen unterschiedliche Feuchte-, Trocken- und Expositionssituationen, die die Biodiversität stärken und dem Quartier eine eigene landschaftliche Dramaturgie geben.

Landschaft als Identität

Rather Brück erhält seine Identität nicht durch ein einzelnes Bild, sondern durch die Verwebung verschiedener Landschaftstypen: Waldsaum, Gehölzmembran, offene Höfe, Gartenpromenade, Feldgärten, Streuobstwiesen, Wiesenmulden, Feldplätze und extensive Ausgleichslandschaft. Aus der Überlagerung dieser Räume entsteht ein Quartier, das dicht und offen zugleich ist. Es baut die Stadt weiter, ohne die Landschaft zu verbrauchen, und entwickelt aus der besonderen Lage zwischen Neubrück, Brück, Rath und Rather See einen neuen gemeinschaftlichen Rand der Stadt.

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