ASTOC ARCHITECTS AND PLANNERS GmbH / RMPSL Landschaftsarchitekten

Die Vogelperspektive zeigt, wie die Bebauung in die Landschaft übergeht. Nach Osten hin stehen die Gebäude lockerer und werden kleiner und weniger hoch. Die Gebäude haben vier bis sechs Geschosse. Alle Dächer sind begrünt und mit Photovoltaikanlagen augestattet.

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Gartenland Neubrück

Der Lageplan zeigt zwei Typen von offenen Wohnhöfen. Im Westen sind L-förmige Gebäude mit Punkthäusern kombiniert und im Osten bestehen die Wohnhöfe nur aus mehreren Punkthäuern. Die zwei Reihen von Wohnhöfen sind entlang einer mittleren Achse angeordnet, die vom Norden nach Süden das Quartier erschließt und über zwei Stichstraßen mit dem Neubrücker Ring verbunden ist. Mehrere grüne Wege führen von Westen nach Osten durch das Quartier.
Leitbild und städtebauliche Grundidee: Verzahnung von Stadt und Landschaft

Der Entwurf für das „Madaus Gartenland“ formuliert eine klare Haltung auf die Frage, wie urbaner Wohnraum an der Schnittstelle zwischen Stadt und Natur entwickelt werden kann. Das übergeordnete Leitbild des Entwurfs ist das tiefe und respektvolle Verweben des neuen Quartiers mit dem angrenzenden Landschaftsraum. Anstatt eine harte Siedlungskante zu formulieren, entwickelt sich die Bebauung fingerartig in die Natur und lässt die Landschaft im Gegenzug tief in und durch das Quartier fließen.

 

Das zentrale städtebauliche und freiraumplanerische Werkzeug sind die „Grünen Fugen“. Diese großzügigen, in Ost-West-Richtung verlaufenden Grünkorridore durchziehen das gesamte Planungsgebiet .Sie brechen die Baumasse auf, schaffen vielfältige Blickbeziehungen in den Wald und auf die Wiesen und dienen gleichzeitig als essenzielle Frischluftschneisen und werden ergänzt durch die ebenfalls durchlässigen privaten Hofinnenbereiche. Durch diese strategische Ausrichtung wird sichergestellt, dass die Kaltluftzufuhr aus dem östlichen Landschaftsraum nicht blockiert wird, sondern ungehindert durch das neue Quartier bis zu dem bestehenden Siedlungsrand jenseits des Neubrücker Ringes strömen kann. Das Madaus Gartenland wird somit nicht nur zu einem hochwertigen Lebensraum für seine neuen Bewohner, sondern leistet einen aktiven Beitrag zur klimatischen Entlastung der angrenzenden Bestandsquartiere.

Städtebauliche Struktur und Körnung: Offene Wohnhöfe

Die Bebauungsstruktur übersetzt die urbane Dichte der Konrad-Adenauer-Siedlung im Westen hin zur Weite des Landschaftsschutzgebietes im Osten. Die Grundstruktur bilden großzügige, offene Wohnhöfe. Diese Höfe fassen den Straßenraum entlang der Haupterschließungsachsen räumlich, öffnen sich jedoch in der zweiten Reihe konsequent zum Freiraum hin.

Durch diese U-förmigen oder aufgelösten Blockstrukturen entstehen geschützte, aber dennoch luftige und helle Innenbereiche. Die Gebäudehöhen variieren behutsam zwischen vier und sechs Geschossen. Diese Höhenstaffelung schafft eine lebendige, abwechslungsreiche Silhouette, die sich dem menschlichen Maßstab anpasst. Zur Landschaft hin staffelt sich die Bebauung tendenziell ab, um einen weichen Übergang in die Natur zu gewährleisten.

Architektur, Modularität und Wirtschaftlichkeit

Um den hohen Anforderungen an kostengünstigen und zugleich hochwertigen Wohnraum gerecht zu werden, basiert die Architektur auf den Prinzipien des modularen Bauens. Die gesamte städtebauliche Figur der offenen Höfe setzt sich aus lediglich vier Grundtypen zusammen, die sich hervorragend für eine nachhaltige Holzmodulbauweise eignen:

  • Zeilenmodul Groß (30,00 m x 13,50 m): Dieser Baustein ist meist als Fünfspänner organisiert und ermöglicht die wirtschaftliche Abbildung zahlreicher kleiner Grundrisse (z. B. für Singles oder Paare).
  • Zeilenmodul Klein (25,00 m x 13,50 m): Eine kompaktere Variante, die in der Regel als effizienter Vierspänner ausgebildet ist.
  • Eckmodul (Schenkel je 21,50 m, Tiefe 13,50 m): Ein hochflexibler Baustein, der je nach gefordertem Wohnungsspiegel als Vierspänner (für sehr große Familienwohnungen) bis hin zum Sechsspänner (für kleinere Einheiten) konfiguriert werden kann.
  • Punktgebäude (16,00 m x 23,00 m): Dieser vier- bis fünfgeschossige Solitärbaustein staffelt sich in den oberen beiden Geschossen auf ein Maß von 16,00 m x 16,00 m ab. Durch diesen Rücksprung entstehen attraktive Dachterrassen. Die Erschließung erfolgt in den unteren Ebenen als Vierspänner und in den oberen, zurückgesprungenen Geschossen als Dreispänner.
Der Ausschnitt zeigt mehrere offene Wohnhöfe aus der Mitte des Quartiers mit unterschiedlichen Gebäudeformen. Dazu gehören längliche Gebäude, Eckgebäude und Punkthäuser. Man erkennt die Aufteilung in 1- bis 5 Zimmerwohnungen. Nördlich davon sind nebeneinander ein Baukörper für die Quartiersgarage und die nördliche viergruppige Kita abgebildet und im Süden Senior*innenwohnen und Pflegeeinrichtungen. Auf der zentralen Achse werden verschiedene Aktivitäten angeboten.

Um am Ende unterschiedliche Gebäudetiefen von serielle Typen gewährleisten zu können, ist der Entwurf so angelegt, dass auch größere Gebäudetiefen bis 15,50m möglich sind, ohne Abstandsflächenproblematiken auszulösen und Staffelgeschosse in den Punktbauten zugunsten voller Volumen aufgegeben werden können. 

Um Baukosten zu senken und Wärmebrücken zu vermeiden, werden die Balkone in einfacher Bauweise als Vorstell- oder Hängekonstruktionen vor die Fassaden gesetzt. Alle Gebäude werden konsequent mit Dachbegrünungen und Photovoltaikanlagen ausgestattet.

Nutzungskonzept und soziale Vielfalt: Ein Quartier für alle

Das Madaus Gartenland ist als lebendiges, sozial durchmischtes und inklusives Quartier konzipiert. Insgesamt bietet der Entwurf Platz für rund 790 neue Wohnungen, die ein breites Spektrum an Lebensmodellen abdecken.

Um der großen Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum gerecht zu werden, werden gut 50 Prozent der Wohnungen im öffentlich geförderten Segment realisiert. Neben dem klassischen Mietwohnungsbau integriert das Quartier gezielt besondere Wohnformen wie genossenschaftliches Wohnen und Mehrgenerationen-Wohnprojekte. Diese Sonderwohnformen werden an den zentralen Knotenpunkten verortet, da sie durch gemeinschaftliche Nutzungen maßgeblich zur Belebung des öffentlichen Raums beitragen.

Quartiersbausteine und Infrastruktur: Sinnvolle Verortung

Die übergeordneten Infrastruktur- und Sonderbausteine sind strategisch an den Rändern und Eingängen des Quartiers platziert:

  • Zentrales Quartiersparkhaus (Nördlicher Quartierseingang): Der ruhende Verkehr wird in einem zentralen Mobilitäts-Hub gebündelt. Eine Besonderheit ist die Integration von Wohnraum an den beiden „Köpfen“ des Gebäudes, was die Parkhausfassade maskiert und den Straßenraum belebt.
  • Seniorenheim und betreutes Wohnen (Südlicher Quartierseingang): Am südlichen Entree entsteht ein Kompetenzzentrum für das Wohnen im Alter mit hervorragender Erreichbarkeit und direkter Nähe zur Natur.
  • Zwei Kindertagesstätten (Nord und Süd): Die beiden Kitas werden dezentral an den Quartierseingängen verortet. Dies ermöglicht kurze Wege und einen bequemen „Drop-off“ ohne Autoverkehr im Quartiersinneren.
  • Feuer- und Rettungswache (Süden): Ganz im Süden, nahe der Ausfahrt auf den Neubrücker Ring, wird die Feuerwache positioniert. Sie stellt die Ausrückzeiten sicher und fungiert gleichzeitig als massiver baulicher Schallschutzriegel gegen den Flug- und Gewerbelärm.
Erschließung und Mobilität: Der autofreie Boulevard

Das Herzstück der verkehrlichen Erschließung bildet ein zentraler, autofreier Boulevard in Nord-Süd-Richtung. Er ist Erschließungsachse für Fußgänger und Radfahrer sowie ein linearer Quartiersplatz mit hoher Aufenthaltsqualität.

Der Boulevard verwebt sich räumlich mit den Grünen Fugen und den Baufeldinnenbereichen. Der motorisierte Individualverkehr wird konsequent an den Quartierseingängen abgefangen. Das Innere des Quartiers bleibt Rettungsfahrzeugen, der Müllabfuhr und temporären Lieferverkehren und dem B- und Enladen der Bewohnerschaft vorbehalten, was die Sicherheit und Lebensqualität drastisch erhöht. 

Freiraum, Landschaft und Ökologie: Natur erleben
Die Perspektive zeigt mehrere vier- bis fünfgeschössige Wohngebäude mit begrünten Flachdächern und braun-rötlichen Fassaden. Viele Wohnungen haben Balkone, einige Gebäude haben zurückgesetzte Bereiche als Dachterrassen. Die Gebäude stehen um eine begrünte Freifläche mit Wegen und Bäumen. Auf der Freifläche sitzen Menschen auf Bänken oder gehen spazieren.

Das Freiraumkonzept versteht die Landschaft als identitätsstiftendes Element. Durch den weitgehenden Erhalt prägender Gehölz- und Waldbestände sowie die Integration der bestehenden Ausgleichsflächen entsteht ein zusammenhängendes und verwebtes Freiraumsystem, das den Eingriff in die Natur möglichst gering hät. Ein durchgängiger Freiraumzug verbindet die Nachbarschaften und schafft attraktive Wege für den Fuß- und Radverkehr. Das feinmaschige Webmuster der naturbelassenen grünen Fugen und naturnah gestalteten Baufeldinnenbereiche sorgt für eine engmaschige und das gesamte Quartier durchziehende Biotopvernetzung. 

Die Freiraumgestaltung differenziert sich klar:

  • Innenhöfe: Die halboffenen Wohnhöfe dienen als geschützte Rückzugsorte mit gut einsehbaren Kleinkinderspielflächen.
  • Öffentlicher Raum und Grüne Fugen: Entlang des Boulevards und in den Grünen Fugen entstehen wohnungsnahe Aufenthaltsbereiche, öffentliche Spielplätze und generationenübergreifende Bewegungsangebote, die den sozialen Austausch fördern.
  • Östlicher Landschaftsraum: Die Freiräume öffnen sich nach Osten und verzahnen Siedlung und Landschaft. Die bestehenden Waldflächen und Kompensationsmaßnahmen werden durch extensive Wiesen- und Gehölzstrukturen zu einem zusammenhängenden Biotopverbund ergänzt. Klimaangepasste Bäume und artenreiche Pflanzungen stärken die Biodiversität bei gleichzeitig geringem Pflegeaufwand.
Nachhaltigkeit und Klimaanpassung: Die Schwammstadt

Ein wesentlicher Baustein des klimaresilienten Quartiers ist das integrierte Regenwassermanagement nach den Prinzipien der Schwammstadt. Ziel ist es, Niederschlagswasser möglichst vollständig im Gebiet zurückzuhalten und dem natürlichen Wasserkreislauf wieder zuzuführen.

Da die reine Versickerung auf den typischen Lehmböden des Rheinlandes oft schwierig ist, liegt der Fokus auf Rückhalt, Speicherung und Verdunstung. Hierzu werden versickerungsfähige Beläge, Baumrigolen und begrünte Mulden miteinander vernetzt. Multifunktionale Freiräume übernehmen neben ihrer Aufenthaltsfunktion Aufgaben der Regenwasserrückhaltung. Ergänzend werden in den Innenhöfen Zisternen untergebracht, die das Regenwasser für die Bewässerung in Trockenzeiten ressourcenschonend speichern.

Bei extremen Starkregenereignissen fungieren diese Elemente als Puffer: Überschüssiges Wasser kann gezielt in den östlichen Landschaftsraum abgeführt werden, um dort in großzügigen Mulden sicher zu verdunsten, ohne die Nutzbarkeit der Freiräume dauerhaft einzuschränken. Begrünte Dächer mit Photovoltaik runden diesen wassersensiblen Ansatz ab und dienen der regenerativen Energiegewinnung.

Fazit

Mit dem Entwurf für das Madaus Gartenland entsteht ein Quartier, das urbane Dichte und landschaftliche Weite durch die Schichtabfolge zwischen Siedlungsraum und Landschaft über ein das gesamte Quartier durchlaufendes Webmuster mit Freiraum, sozialer Vielfalt und individuellem Rückzug zusammenführt.  Einfache Baufeldzuschnitte mit Spielraum in der Gebäudetiefe ermöglichen eine wirtschaftliche Umsetzung.  . Der Entwurf legt die Grundlage für ein zukunftsfähiges Stück Stadt, das der GAG ermöglicht, dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig  ein Musterbeispiel für den aktiv gestalteten Übergang zwischen Stadt und Landschaft darstellt. 

 

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